Es ist schwierig

Das momentane Dilemma der orangenen Problempartei scheint mir symptomatisch für Kommunikation im Internet, vielleicht sogar für Kommunikation in nicht ganz freiwilligen Gruppen allgemein. Wo etablierte Parteien und andere klassische Gruppen aber so etwas wie soziale Protokolle, Höflichkeitsregeln und auch persönliche Interaktion haben, die gegenseitige Antipathien, Meinungs- und Kulturverschiedenheiten einigermaßen im Zaum halten (oder auch nur in die verborgene Intrige abdrängen), haben Internet und insbesondere dieses Internet-Partei-Dings … nix!

Jetzt ist das Ganze gerade dabei, in Zeitlupe zu explodieren und ich kann irgendwie nicht mehr daran glauben, dass da noch eine Rettung im Sinne einer Lösung, die alle mitnimmt, möglich ist. Die heutige Explosion mag dafür beispielhaft sein: der frisch gewählte Bundesvorstand hat ein unglückliches Händchen bewiesen und für die Organisation der Beteiligung an der Freiheit-statt-Angst-Demonstration ausgerechnet einen Piraten beauftragt, der sich vor einigen Monaten beim sogenannten Bombergate dadurch besonders hervorgetan hat, dass er akribisch Brüste verglichen hat, um die „Übeltäterin“ zu identifizieren und irgendwelche parteiinternen Konsequenzen für sie zu fordern.

Der Effekt, auf den es mir hier ankommt, ist, was einigermaßen durchschnittliche (Ex-)Mitglieder des Teams Orange da nun heute gesehen haben. Und das hängt offensichtlich sehr von der Vorprägung ab. Mit meiner Vorprägung werde ich an das Verhalten erinnert, das ich schon während des Bombergates mehr als unterirdisch fand. (Just for the record: den „Thanks Bomber-Harris!“-Spruch halte ich nach wie vor für unpassend, unterkomplex und provozierend, aber mehr auch nicht. Konsequenzen der Partei hielt und halte ich für so etwas aber für absolut übertrieben.) Mit einer „Was machen ‚die Berliner‘ denn jetzt schon wieder?!?“-Vorprägung dagegen sehen Menschen, dass dort akribisch Tweets von vor ein paar Monaten ausgegraben werden und erschaudern vor „Kompromat-Sammlungen“. Irgendwie verständlich, aber: Wiederum mit meiner Vorprägung kann ich darauf nur antworten: wenn die nicht ausgegraben würden, würde die Aufregung um diese Beauftragung doch wieder als persönliche Antipathie delegitimiert, oder würde sie nicht?

Lösung 1: bevor die Menschen, die in den Eskalationen der letzten Monate besonders tief ins Klo gegriffen haben, mit irgendwas beauftragt werden, muss mindestens Einsicht in dieses ins-Klo-Greifen und so etwas wie eine Bitte um Entschuldigung vorhanden sein. Dass die nicht da ist, kann ich auch irgendwie verstehen, da ja umgekehrt auch nicht gerade mit Samthandschuhen gearbeitet worden ist und wird. Eine allseitige Bitte um Entschuldigung ohne Aufrechnen, wer angefangen und wer schlimmer zugelangt hat, wäre vielleicht möglich aber dann doch wieder sehr utopisch.

Lösung 2: manchmal geht eins sich einfach besser aus dem Weg. Etwas homogenere Gruppen, in denen eins eine gewisse Sicherheit hat, dass die Menschen sich nicht gegenseitig mit Box-Handschuhen bearbeiten, sind, denke ich, eine Lösung.

Dieser zweite Weg wird mit der Progressiven Plattform gerade gegangen und auch das wird natürlich sofort wieder als „Abschottung“ kritisiert. „Aber wir müssen doch alle mitnehmen, Ihr müsst doch offen für alle sein.“ Ähm, nein, muss niemand! Und das halte ich inzwischen für einen wichtigen Grundsatz für das einigermaßen produktive Überleben in diesem Internet und in Übertragung auch in einer Partei oder jeder anderen Gruppe, die hauptsächlich über dieses Internet kommuniziert.

Ich persönlich habe das Glück, von wirklich schlimmen Anfeindungen bisher weitgehend verschont worden zu sein, aber die, die ich mir aus zweiter Hand (oder auch mit einem „Du bist ja nicht gemeint, aber diese $schlimmen Menschen da!!!“ selbst direkt) anhören darf, reichen völlig, um Verständnis dafür zu haben, wenn Kommunikation früh abgebrochen oder sofort abgeblockt wird. Ja, da mag gelegentlich zu schnell geurteilt werden. Ja, ich kenne auch die Furcht, als $Irgendwas abgestempelt zu werden, bloß weil ich an der falschen Stelle widerspreche. Ändert aber nichts daran, dass ich durchaus sehe, in welch unschöner Gesellschaft ich mit dem Widerspruch eventuell bin, und dann halt entsprechend vorsichtig formuliere. (Sollte ich vielleicht auch auf den anderen Seiten der ewigen Internet-Debatten öfter mal versuchen, zugegeben. Dieses Internet versaut die Umgangsformen.)

Ein zweiter — im Vergleich dazu banaler — Grund ist das Haushalten mit Ressourcen: ich halte es auch für mich für legitim, Menschen zu sagen: „Hab’ es oft genug versucht. Ist mir zu anstrengend mit Dir. Bitte lass mich in Ruhe!“

Also, ich bin gespannt, ob diese Plattform mit ihrer Politik des einigermaßen geschützten Raumes funktionieren wird und glaube, dass es ein Schritt in die richtige Richtung ist.

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